Segler-Verband Sachsen e.V.

(SVS)

Segeln in der Schule

Nunmehr im vierten Jahr gibt es, in Sachsen wohl einmalig, Segeln in der Schule. Am Peter-Breuer-Gymnasium in Zwickau - "Fächerübergreifenden Grundkurs Segeln"
"Fächerübergreifenden Grundkurs" heißt, dass dieser Kurs in der Abiturstufe gehalten wird Klasse Elf - und die erreichten Leistungen im Wahlbereich auch in das Abitur eingebracht werden können.

Nach der ersten Idee und einem Schulleiter, der für neue Ideen immer zu haben ist, musste natürlich eine Konzeption erstellt werden, die den Weg durch die Kultusbehörden ging und als Genehmigung seitens des Ministeriums zurück kam.

Mein Ziel war und ist es neben der Begeisterung für den Segelsport die Möglichkeit zu nutzen, den Schülern im direkten Kontakt mit der Natur wichtige Bildungs- und Erziehungsziele wie Teamgeist, Selbstdisziplin, Zielorientiertheit, eine realistische Selbsteinschätzung sowie Ehrfurcht vor der Schöpfung zu vermitteln.

"Fächerübergreifend" heißt in unserem Fall, dass ich die theoretischen Grundlagen des Segelns auf einem Niveau angehen kann, das jedem SKS-Prüfling zur Ehre gereichen würde und die Inhalte des SSS und SHS zum großen Teil abdeckt. Nur die Astronavigation kommt immer noch ein bisschen zu kurz. So werden im Physikraum die Prinzipien der Aerodynamik, Stabilität, Kräfte und Momente am Modell erprobt und getestet. Aufbauend auf dem Geographieunterricht wird im Kurs im Abschnitt Meteorologie der Schwerpunkt auf eine Herausbildung der Fähigkeit einer (lokalen) Prognosebildung auf der Grundlage eigener Wetterbeobachtungen (und natürlich dem Seewetterbericht) und eines aktiven Wissens um die atmosphärischen Prozesse in den gemäßigten Breiten gelegt.

Die meisten Schüler sind noch nie gesegelt und so ist es besonders wichtig, dass nicht nur gepaukt wird, sondern die Zeit vom Schuljahresanfang bis zum Saisonende genutzt wird, um den "Wind zwischen den Fingern" zu spüren. Da trifft es sich gut, dass uns in 500m Entfernung zur Schule der Seesportclub Zwickau am Schwanenteich im Zentrum der Stadt die Möglichkeit gibt, mit Ixylon, Optimist und einem Segelkutter ZK10 sein Equipment zu nutzen. Es ist immer wieder für die Kinder des Seesportclubs ein Erlebnis, wenn sie mit ansehen, wie 17jährige zum ersten Mal in einen Opti klettern, krampfhaft versuchen, nicht in den Teich zu fallen und am Ende richtig stolz sind, wieder - und das gegen den Wind - am Steg angekommen zu sein.

Im Schulhof sind Neugierige immer dabei, wenn der ganze Kurs am Freitag Nachmittag am Zaun mit den Springseilen aus der Sporthalle Knoten lernt und übt. Schnell finden sich dann auch ein paar "alte Hasen" aus der K12, die stolz ihr Können zeigen und nebenbei so manche Anekdote ihres Törns erzählen. Da wird die Wellenhöhe auch schnell mal verdoppelt.

Der Kurs hat seinen Höhepunkt jedes Jahr in einem einwöchigen Törn auf der Ostsee. Das bedeutet, dass natürlich die Navigation vorher sicher erlernt werden muss, die Regelungen des Wegerechts beherrschte werden und die Törnvorbereitung von den Schülern unternommen wird. Auch sehe ich es als einen großen Vorteil, dass die Schüler später Radar und GPS nicht bloß bedienen können, sondern wenn sie auch wissen, wie diese funktionieren.

Unsere Törns gingen bisher von Stralsund oder Lauterbach aus, diese Jahr ist Greifswald der Ausgangshafen. Der Chartermarkt für bezahlbare Boote mit einer Ausrüstung für 10 - 11 Personen ist nicht groß. Die Erfahrungen mit den Vercharterern waren bis auf eine Ausnahme auch sehr gut, und in mir verstärkt sich jedes Jahr mehr die Erkenntnis, dass auch eine 15-20 Jahre alte Yacht bei guter Wartung ein tolles Boot ist. Dass dann zwei oder drei Personen im Salon in den Lotsenkojen schlafen müssen, schadet dem Teamgeist keinesfalls. Ich habe mit Schülern noch keine Pleiten erlebt wie bei der Kojencharter mit Erwachsenen, bei der es (fast) immer einen Mitsegler gibt, der alles besser kann, dem das Essen nicht schmeckt und die Route nicht passt.

Der erste Tag, manchmal auch der zweite verläuft mit Manövertraining. Da sind 5 Stunden auf dem Bodden schnell um, bis jeder Beigedreht hat, ein paar Wenden und Halsen gefahren ist und das MOB-Manöver aus verschiedenen Kursen klappt. Als Varianten für den Ernstfall werden insbesondere das Münchner Manöver und Quick-Stopp trainiert. Natürlich werden Rettungswesten ständig getragen. Ein Höhepunkt ist es jedes Mal, wenn ein Freiwilliger die Rettungsweste mit einem Sprung ins Wasser testet. Auch sind die Schüler jedes Jahr wieder erstaunt, dass schon zwei Knoten wahnsinnig schnell sind, wenn man versucht, hinter dem Boot her zu schwimmen!

Im weiteren Verlauf müssen wir uns natürlich nach dem Wetter richten, so dass die Varianten bisher Rund Rügen, Bornholm und Südschweden oder im letzten Jahr auch Hafentage in Lohme bzw. Kröslin lauteten. Auch hier wieder ein großes Lob an die junge Generation; bei Windstärke 8-10 und Regen über Rügens Wanderwege zu stapfen ist nicht jedermanns Sache, aber spätestens dann waren ALLE froh, dass unser Schiff sicher im Hafen lag. In Kröslin wurde es auch nicht langweilig, da die Schüler fast den kompletten Physik-Leistungskurs darstellten und so der Besuch der Phänomenta und des historisch-technischen Museums fast ein Muss darstellte; am Abend war es die Fußball-Europameisterschaft, die man in der Hafenkneipe verfolgen konnte. Nur der Wirt war wohl nicht glücklich mit seinen Gästen, die in neunzig Minuten nur ein(!) Bier tranken.

Erlebnisse wie die mit acht Mann auf der hohen Kante, zweitem Reff im Groß und zwei Meter hohen Wellen ... und dann hat der Lehrer Backschaft ..., vergessen die Schüler nicht mehr. Spätestens nach einer viertel Stunde wollte der nächste ans Ruder ... jedes Mal, wenn der Rudergänger wieder über neun Knoten schaffte, musste man doch selbst noch ein bisschen schneller sein!

Ach ja, zwei Sachen sind wohl noch erwähnenswert;
im Anschluss an den Schulunterricht können die Schüler den SBF-See vor der Prüfungskommision ablegen, bisherige Bestehensquote 100%!
Die ersten Absolventen des Kurses waren inzwischen schon selbst einige Seemeilen auf der Ostsee unterwegs, und das bei den eingeschränkten Finanzen eines Zivis oder Studenten!

Ralf Jahn